Die Grüne Kirche am Lutherstein


Die Grüne Kirche

Seit einigen Jahren gibt es die „Grüne Kirche am Lutherstein“. In 4 Reihen wurden Bäume gepflanzt. Sie bilden einen dreischiffigen Kirchenraum mit Blätterdach oder mit freiem Blick zum Himmel. Davor steht seit dem Reformationsjubiläum 2017 ein Steinaltar, der in mehrfacher Hinsicht auf den Lutherstein Bezug nimmt. So besteht er aus dem gleichen Material wie der Lutherstein, aus rötlichem Gneis. Die Inschrift auf dem Altar nimmt ebenfalls Bezug: Steht auf dem Lutherstein geschrieben: „In einem Blitz vom Himmel wurde dem jungen Luther hier der Weg gewiesen“, so steht auf dem Altar: Weise mir, Herr, deinen Weg, dass ich wandle in deiner Wahrheit. (Psalm 86, 11) Die Erinnerung an Luthers wegweisende Erfahrung an diesem Ort wird verbunden mit der Frage: Welchen Weg will Gott uns Christen eigentlich heute zeigen?

Die Predigten zum Gottesdienst am Lutherstein gehen dieser Frage jedes Jahr aufs Neue nach.

Nächster Gottesdienst am Lutherstein:  Do, 2. Juli 2020, 19 Uhr, Predigt: n.n.

Die letzte Predigt hielt am 2. Juli 2019 Dr. Gregor Heidbrink, Superintendent des Kirchenkreises Apolda-Buttstädt:

Liebe Geschwister,

Kritik an der Kirche zu üben, das war mutig für einen Martin Luther. Heute ist es wohlfeil. Es ist leicht verdienter Applaus.

Man kann’s politisch tun: „Diese Kirche spricht nicht mehr für mich. Die ist linksgrün versifft.“

Oder aber in Form eines persönlichen Statements: „Ich kann auch allein Glauben. Dafür brauche ich keine anderen.“

Jedenfalls kommt mir heute Kritik an der Kirche so vor, als würde da auf jemanden eingetreten, der bereits am Boden liegt. Und deshalb wird in mir der Reflex wach, demjenigen zu helfen.

Ich versuche eine Ehrenrettung der Kirche und möchte erklären, warum wir die Kirche auf jeden Fall brauchen. Und ich möchte andeuten, was ich für wichtig halte für den Weg der Kirche in der Zukunft.

Denn mir ist auch klar: Wir dürfen nicht einfach so tun, als könnten wir weitermachen wie bisher.

Dazu ein biblisches Leitbild, die Rede ist von Paulus und Silas, in der Apostelgeschichte

(Apg 16,6-10):

6 Sie zogen aber durch Phrygien und das Land Galatien, da ihnen vom Heiligen Geist verwehrt wurde, das Wort zu predigen in der Provinz Asien. 7 Als sie aber bis nach Mysien gekommen waren, versuchten sie, nach Bithynien zu reisen; doch der Geist Jesu ließ es ihnen nicht zu. 8 Da zogen sie durch Mysien und kamen hinab nach Troas. 9 Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! 10 Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.

Paulus und Silas besuchen die Gemeinden, die auf der ersten Missionsreise gegründet wurden. Sie wollen sie stärken. Sie wollen neue Gemeinden gründen. Aber es funktioniert nicht. Sie wenden sich von einer Seite zur anderen. Doch der Geist lässt es nicht zu.

Eine gute Beschreibung auch für den Zustand unserer Kirche. Wir gehen hierhin, wir wenden uns dorthin. Aber der Heilige Geist wehrt unseren Dienst ab. Denn irgendwie erfolgreich sind wir ja nicht… Es nimmt alles ab. Die Stimmung ist trüb.

Wir feiern Jubiläen und fahren Kampagnen. Doch nicht immer geht es glücklich zu. Mit einer Aktion wie „Tempo 130“ werden die einen gewonnen aber die anderen vor den Kopf gestoßen. Es wird gesät in guter Absicht. Aber es entsteht keine Frucht. Der Heilige Geist lässt das Wort nicht ankommen. Es bricht nicht durch. Er verwehrt es uns.

Das ist in mehrfacher Hinsicht eine frohe Botschaft:

Erstens: Der Heilige Geist ist Gott. Und es geschieht Gottes Wille. Wir sind in seiner Hand, ob erfolgreich, ob erfolglos, ob er verhindert, uns bewahrt oder uns Durchbrüche schenkt.

Zweitens: Wir dürfen dieses Phänomen beim Namen nennen. Wir müssen nicht verzweifelt irgendwelche Verheißungen aus der Heiligen Schrift klauben, die nicht mit der Wahrnehmung der Realität übereinstimmen. Lasst uns dankbar annehmen, dass die Heilige Schrift Worte für unsere Situation zur Verfügung stellt.

Drittens: Dass wir Gottes Pläne noch nicht sehen, heißt nicht, dass es sie nicht gibt. Vielleicht geht es uns wie Paulus und Silas – und Gott bereitet einen Durchbruch für uns vor, eine Erweiterung unseres Einflussgebietes, von der wir jetzt noch gar nicht träumen.
Denn genau das ist es, was er damals tat: In einer Nacht sieht Paulus im Traum einen Mann in mazedonischer Tracht. Der ruft: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! Und darin erkannten die beiden eine neue Berufung. Und sie fanden ihre neue Berufung. Sie sollten sich nicht länger im Klein-Klein Kleinasiens erschöpfen. Sie sollten das Evangelium nach Europa tragen. Das christliche Abendland hat seine Wurzel in dem Traum von Paulus. Der Mann in Mazedonischer Tracht. Komm herüber und hilf uns.

Vielleicht fängt es damit an, dass wir uns genügend Schlaf gönnen, genügend Ruhe, damit Gott wieder durch solche Träume mit uns reden kann, liebe Geschwister!

Manches Große beginnt mit etwas ganz kleinem. Einem Traum in der Türkei. Oder einem Blitzschlag in Stotternheim.

Wir denken heute am Lutherstein auch an die neuen Wege, auf die Luther berufen wurde.

Luthers Karriere als Reformator begann mit der Hoffnung: Die Kirche lässt sich verändern. Die Missstände lassen sich abstellen, die Frohe Botschaft lässt sich wieder herausputzen.

Traurig musste er einsehen, dass das nichts wurde. Zu unbeweglich, zu verknöchert, zu sehr verhaftet im Alten war seine damalige Kirche. Später fand auch sie die Kraft, sich zu erneuern und zu verändern, aber nicht mehr zu Luthers Lebzeiten.

Jedenfalls entstand die Evangelische Kirche. Als Ultima ratio. Und Luther musste jetzt selbst feststellen: es ist schwer, den Laden zusammen zu halten. Spalter gründen ihre eigene Kirchen. Eiferer bestritten den Machtanspruch von Luthers Denkfabrik. Und überhaupt: In welchem Tempo wollen wir uns reformieren: So, wie es das Wort Gottes vorgibt – oder so, dass möglichst viele dem Tempo folgen können?

Es ist ständig nötig, die Kirche zu reformieren, haben die Reformatoren gesagt. Man ist nie fertig damit.

Es gehört dazu, dass die einen sich reiben, weil es zu langsam geht und die anderen sich reiben, weil sie in eine Richtung gezogen werden. Durch Reibung entsteht Hitze. Was die Hitze aber runterkühlt, das ist ein Grundvertrauen in die Institution. Und immer wieder die Entscheidung, sich zu vertrauen, sich unterzuordnen; wir folgen darin dem Beispiel von Jesus Christus.

Für jede funktionierende Institution ist es wichtig, dass Menschen die Entscheidung treffen, sich unterzuordnen. Ob es die Ehe ist, eine Partei oder sogar die Kirche.

Nicht alles gut finden, aber grundsätzlich eine Entscheidung treffen und zu der Entscheidung stehen.

Vertrauen und Treue bleiben hängt zusammen. Und sie sind Garant für Erfolg und Fortbestehen. Getrennte Wege sind nur die Ultima Ratio.

Was wäre denn die Alternative? Die Alternative zu verbindlichen Institutionen bedeutet kein freieres Leben. So wie die Alternative zur Ehe mit ihren vielen Familienformen v.a. Alleinerziehende hervorbringt.

Die Alternative zur Ehe bringt Armut hervor.

So führt auch die Erosion der großen Institutionen in dieser Gesellschaft nicht in Freiheit, sondern in Abhängigkeit und Verarmung.

Ich halte das für eine echte Gefahr. Ein Beispiel.

Vor kurzem kam die Nachricht, dass Facebook eine eigene Währung einführen will. Facebook ist ein Internetkonzern, der eine Macht hat, wie selten ein Konzern zuvor. Er besteht nicht nur aus der Internet-Seite Facebook, dort speichert er die Daten von fast einer Milliarde Menschen. Dazu gehört ihm Instagram, so etwas wie die jugendlichere Ausgabe von Facebook. Und dazu Whatsapp. Ein Kurznachrichtendienst, der genau aufzeichnet, wer wen kennt, mit wem man Kontakt hat, und wo wir uns aufhalten.

Alle drei Dienste tauschen Daten aus und verbinden sich zu einer Informationsfülle, die keine Stasi je hatte.

Und jetzt eine eigene Währung. Libra. Das soll nach Freiheit klingen. Liberte.

Da wird es immer noch Leute geben, die sagen: Das ist aber bequem! Oder: Wie toll, es ist so einfach, das zu benutzen.

Die Bundesbank und andere Notenbanken haben schon davor gewarnt, das zu benutzen. Dabei stehen sie ein bisschen bedröppelt am Spielfeldrand; alte, langsame Institutionen… Wenn Libra sich durchsetzt, verlieren sie an Macht.

Facebook ist ein Medium für Leute, die auch sagen: Ich kann auch für mich alleine Glauben, ich brauche keine Kirche. Auf Facebook stellt man sich dar (Instagram das gleiche). Man ist scheinbar aufgeklärt, scheinbar cool, scheinbar immer gut drauf. Alles scheinbar, aber eines ist man ganz offensichtlich: Teil einer amerikanischen Gelddruckmaschine. Einer Ausbeutungsmaschine, bei der der einzelne die Kontrolle über seine Lebensgeschichte verliert. Du verlierst die Kontrolle über deine Biografie.

Nur scheinbar kann jeder seine Meinung sagen. Weil der einzelne nicht gehört wird, muss er sich überbieten durch immer lautere und obszönere Wortmeldungen bis hin zur Volksverhetzung. Sonst gehst du unter im digitalen Dauerrauschen.

Was wir brauchen, damit unser Staat funktioniert, das sind Institutionen, die einen positiven Sinn für uns verfolgen. Wir brauchen die Gewerkschaften, die den Arbeitern eine Stimme verleihen. Wir brauchen die Parteien, die die Meinungen der Bürger bündeln bis runter in den Ortsverein Stotternheim. Und wir brauchen die Kirche als Organismus aus Gemeinden, christlichen Familien und Einzelnen Christen.

Wir brauchen starke Institutionen. Aber wir müssen auch bereit sein für neue Wege. Und neue Wege müssen beschritten werden, nicht bekrochen oder bekrabbelt.

Facebook ist ein sehr schnelles Unternehmen. Die Landeskirche ist eine schwerfällige Institution.

Der Pfarrer wird angestellt wie ein Staatsbeamter und so gut versorgt wie ein Staatsbeamter. Ob seine Pension genauso sicher ist, da reden wir besser nicht drüber im Beisein von jüngeren Kollegen, aber im Prinzip ist er Beamter, es sei denn, er ist zum Zeitpunkt der Einstellung chronisch krank oder zu alt, dann lassen wir ihn lieber in der AOK, bei der staatlichen Solidargemeinschaft.
Der Pfarrer hat vieles studiert, was er nicht braucht, und muss vieles tun, was er nicht studiert hat. Seminare hat er belegt in Altorientalistik, was man von ihm verlangt, ist einer 90jähren schwerhörigen Dame einen einfühlsamen Geburtstagsgruß zu übermitteln.
Seminare hat er belegt über die Auseinandersetzung von Erweckungsbewegung und idealistischer Philosophie, was man von ihm verlangt, ist eine Baubesprechung.
Aus dem Studium kam er als theologischer Vollprofi, nun muss er sich auf dem Markt der Ritualanbieter durchsetzen – er muss Beerdigungsansprachen anhalten, ein bis zwei pro Woche, er konkurriert dabei mit freien Rednern, die ihre Qualifikation auf einem Wochenendkurs erworben haben; dafür aber sind sie bereit zu jedwedem Zugeständnis an die Wünsche des Trauerhauses. Ästhetik oder Botschaft werden zu Nebensachen.
Auch die höchsten Maßstäbe an die Ausbildungsqualität des Pfarrers haben den Niedergang der Kirche nicht aufhalten können. Was aber den Niedergang der Kirche befördert, sind Stellenstreichungen. Und Stellenstreichungen werden gerade dadurch nötig, dass man teure Pfarrer auf zu große Pfarrstellen setzt, die dann auch noch unzufrieden sind, weil es nicht das ist, was sie einmal dachten, dass es das wäre.
Trotzdem tut sich unsere Kirche noch schwer damit, auch nebenamtliche Pfarrer anzustellen, Leute, vielleicht etwas praktischer ausgebildet sind, die neben dem Beruf von der Kirche mitfinanziert werden – so wie Paulus. Leute, die nicht Paulus hatte den Beruf des Zeltmachers gelernt. Er lebte von beidem: Spenden und Zuschüsse seiner Gemeinden – und Handarbeit in seinem gelernten Beruf.

Wir brauchen definitiv weiterhin gute Theologen in der Kirche, natürlich auch hauptamtlich. Wir brauchen Leute, die die Entwicklungen in Gesellschaft und Wissenschaft von der Bibel her deuten können. Wir brauchen professionelle Begleitung für ehren- und nebenamtliche. Aber wir brauchen eine größere Bandbreite im Verkündigungsdienst.

Aber vor allem brauchen wir: einen missionarischen Vorbehalt. Und das ist etwas, wo jeder mittun kann.

Der missionarische Vorbehalt. Wie oft sitzen wir beisammen und überlegen, wie es weitergeht. Gerade auch Sie in Ihrem neu zusammengewürfelten Pfarrbereich. Wir machen Pläne, wie alles zu seinem Recht kommen kann. Genauso diskutiert der Kreiskirchenrat und der Landeskirchenrat, die Kreissynode und die Landessynode miteinander. Viele Reformideen werden dabei verhandelt. Ich wünsche mir, dass bei all diesen Verhandlungen einer oder mehrere dabei sind, die bewusst Anwalt der Leute sind, die wir nicht erreichen.
So wie Paulus im Traum ein Mazedonier erscheinen musste, der rief: „Komm herüber und hilf uns!“ – so sollten die Menschen, die im Gemeindeleben auftauchen auch Anwälte haben, die rufen: Kommt herüber und helft uns.
Bitte nehmt uns in den Blick.

Die Stimme derer hören, zu denen Gott uns senden will – und das als Berufung aus Gottes Hand nehmen. Darauf kommt es an.

Dr. Gregor Heidbrink