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Predigt über Jesaja 29, 17-24 am 12. Sonntag nach Trinitatis, 03.09.2017

Liebe Gemeinde!

Noch eine kleine Weile, dann ist es wieder soweit! Heute in drei Wochen sind die Wahllokale geöffnet und es wird gewählt. Es ist unübersehbar. Überall an den Straßen hängen die Plakate. Optimistisch dreischauende Politiker. Und Slogans, die ein besseres Deutschland, eine bessere Welt versprechen.

„Wählt uns, und alles wird gut! Wir haben die Lösung für all die Probleme in unserer Gesellschaft.“

Freilich weiß jeder, dass Wahlversprechen immer etwas unrealistisch sind. Keine Partei regiert alleine! Und mit keiner Regierung beginnt die Geschichte von vorn!

Selbst ein Donald Trump muss Tag für Tag einsehen, dass es eben doch nicht so einfach ist, das Land nach den eigenen Vorstellungen zu verändern. Sprüche klopfen ist eben doch viel leichter als wirklich Verantwortung zu übernehmen. Und auch der euphorisch gefeierte französische Präsident hat seine Wähler schon mehr als einmal enttäuscht.

All das könnte uns entmutigen! Es könnte uns verdrießen! Wie den Opa eines Klassenkameraden von mir, der in Bezug auf die Politik zu sagen pflegte: „Die Fliegen mögen wechseln, aber der Mist bleibt doch immer derselbe.“

Ja, es ist großer Mist – entschuldigen Sie diese Ausdrucksweise auf der Kanzel! – es ist großer Mist, dass die Gerechtigkeit Tag für Tag immer wieder neu errungen werden muss. Es ist großer Mist, dass wir man tagtäglich für Sicherheit sorgen muss in unserem Land. Und erst recht, dass es eben nur unzureichend gelingt.

Weil es eben viel zu viele Menschen gibt, die Unrecht tun und Unheil stiften wollen. Die der Meinung sind: Hauptsache mir geht es gut! Die anderen sind mir völlig egal! Die Zeitgenossen genauso wie die kommenden Generationen! Nach mir kann ruhig die Sintflut kommen!

Oder die glauben: Ich darf meine Ideen und Ziele mit Gewalt durchsetzen. Der Zweck heiligt doch die Mittel!

Es könnte mich entmutigen! Es könnte mich verdrossen machen! So dass ich sage: Ich gehe einfach nicht wählen! Weil ich keiner Partei glaube, dass sie ihre Versprechen wahr macht!

Aber ich gehe doch hin! Und ich sage Ihnen auch, warum ich gehe! Weil ich trotz all der Enttäuschungen daran glaube, dass Gott etwas Gutes mit dieser Welt vorhat.

So wie der Prophet Jesaja. Er hat in einer schwierigen Zeit gelebt. Da ist politisch und sozial so ziemlich alles schief gelaufen, was schief laufen konnte. Und am Ende stand sogar der Krieg vor der Tür! Doch der Prophet hat weiter gesehen, als andere Menschen sehen können.

Er hat etwas gesehen, das über seine Zeit und über sein Land hinaus geht. Hören wir die Worte, die daraus erwachsen sind. In unserer Lutherbibel steht über diesem Abschnitt als Überschrift „Die große Wandlung“:

17 Wohlan, es ist noch eine kleine Weile, so soll der Libanon fruchtbares Land werden, und was jetzt fruchtbares Land ist, soll wie ein Wald werden.

18 Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen;

19 und die Elenden werden wieder Freude haben am HERRN, und die Ärmsten unter den Menschen werden fröhlich sein in dem Heiligen Israels.

20 Denn es wird ein Ende haben mit den Tyrannen und mit den Spöttern aus sein, und es werden vertilgt werden alle, die darauf aus sind, Unheil anzurichten,

21 welche die Leute schuldig sprechen vor Gericht und stellen dem nach, der sie zurechtweist im Tor, und beugen durch Lügen das Recht des Unschuldigen.

22 Darum spricht der HERR, der Abraham erlöst hat, zum Hause Jakob: Jakob soll nicht mehr beschämt dastehen, und sein Antlitz soll nicht mehr erblassen.

23 Denn wenn sie sehen werden die Werke meiner Hände – ihre Kinder – in ihrer Mitte, werden sie meinen Namen heiligen; sie werden den Heiligen Jakobs heiligen und den Gott Israels fürchten.

24 Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Liebe Gemeinde, noch eine kleine Weile, sagt der Prophet. Bald wird es geschehen, die große Wandlung, das große Umdenken. Und das ist so, wie wenn aus dem wüstem Bergland des Libanon fruchtbares Land werden würde. Und wenn das fruchtbare Land der Schwemmebenen vom Wald bewachsen wäre. „Wie soll das gehen?“, fragen sich die Hörer des Jesaja.

Und wie sollen plötzlich die Armen jubeln und die Übeltäter am Ende sein. Wie soll das gehen, dass sich plötzlich die Menschen ändern, von Grund auf?

Genau das können wir uns heute auch fragen? Wir Menschen haben schon eine ganze Menge erreicht! Wir können zum Mond fliegen. Und bald sicher auch bis zum Mars! Wir können an unseren Genen herumschnippeln und Maschinen erschaffen, die uns das Denken abnehmen. Wir können Gesichter von potentiellen Terroristen mit Kameras erkennen. Aber die wichtigsten Probleme haben wir noch nicht mal ansatzweise gelöst: die Ursachen für Armut und Hunger, für Krieg, Flucht und Vertreibung zu bekämpfen.

Jesaja weiß, welches die Ursachen sind. Welches die eine Ursache ist! Es ist der Mensch selbst. Wenn sich die Menschen ändern, dann ändert sich auch die Welt.

Aber wie soll das gehen? Mit Gewalt geht es nicht! Die Kommunisten haben das versucht! Aber sie sind gescheitert trotz der vielen Opfer!

Wie aber dann, wenn nicht mit Gewalt?

Der Prophet bringt uns auf die richtige Spur, wenn er sagt: Zu der Zeit werden die Tauben hören die Worte des Buches, und die Augen der Blinden werden aus Dunkel und Finsternis sehen.

Jesaja sieht Wunder geschehen. Menschen, die nichts hören können, hören plötzlich wieder. Und Leute, die taub sind für Gottes Gebote, hören plötzlich wieder auf ihn.

Blinde sehen wieder. Und Menschen verschließen nicht mehr die Augen vor der Not der anderen.

Liebe Gemeinde, Jesaja hat das Reich Gottes gesehen, Gottes Herrschaft, von der uns auch Jesus erzählt

Sie wächst mitten unter uns. Und wo sie Gestalt annimmt, da hat es tatsächlich ein Ende mit den Spöttern und Tyrannen. Da kommt Freude ins Leben der Armen. Da wird aus der Wüste der Feindschaft und der Gleichgültigkeit plötzlich fruchtbares Land, wo Frieden und Gerechtigkeit wachsen.

Einst lag ein alter Rabbi auf dem Sterbebett und sagte zu seinen Söhnen:
“Als ich jung war, wollte ich die Welt verändern. Als ich älter wurde erkannte ich, dass dieses Ziel zu ehrgeizig war, darum versuchte ich mein Volk zu verändern. Als ich älter wurde, erkannte ich, dass ich auch mein Volk nicht verändern konnte und fing ich an, mich auf meine Stadt zu konzentrieren. Doch irgendwann wurde mir bewusst, dass ich nicht einmal das schaffe und so versuchte ich meine Familie zu verändern. Jetzt als alter Mann weiß ich, dass ich damit hätte anfangen sollen, mich selbst zu verändern. Wenn ich bei mir selbst angefangen hätte, dann hätte ich vielleicht dabei Erfolg gehabt meine Familie, die Stadt oder sogar mein Volk zu verändern – und wer weiß, vielleicht sogar die ganze Welt.”

 

Liebe Gemeinde, vielleicht ist es genau diese Erkenntnis, die der Prophet Jesaja gesehen hat, als er sagte:  Und die, welche irren in ihrem Geist, werden Verstand annehmen, und die, welche murren, werden sich belehren lassen.

Aber was muss geschehen, damit diese Einsicht nicht nur unseren Kopf durchdringt, sondern auch unser Herz?

Jesaja selbst gibt die Antwort darauf. Ein paar Kapitel später. Da heißt es:

Man klagt um den Acker meines Volks, auf dem Dornen und Disteln wachsen, (…) um alle Häuser voll Freude in der fröhlichen Stadt (…).

so lange, bis über uns ausgegossen wird der Geist aus der Höhe. Dann wird die Wüste zum fruchtbaren Lande und das fruchtbare Land wie Wald geachtet werden.

Und das Recht wird in der Wüste wohnen und Gerechtigkeit im fruchtbaren Lande.

Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird Ruhe und Sicherheit sein auf ewig, dass mein Volk in friedlichen Auen wohnen wird, in sicheren Wohnungen und in sorgloser Ruhe.

 

Liebe Gemeinde, das ist Gottes Verheißung, sein Versprechen an uns Menschen. Wenn das geschieht, dann braucht es keinen Staat und keine Regierung mehr. Weil dann Gott regiert in den Herzen der Menschen.

Doch solange das noch nicht erfüllt ist, solange braucht es Menschen, die in dieser schwierigen Lage Verantwortung übernehmen und Gesetze machen. Auch wenn sie keine Wunder vollbringen. Und es braucht auch Menschen, die sie wählen. Das werde ich in drei Wochen tun, auch wenn ich von ihnen keine Wunder erwarte.

 

Predigt über Joh 1, 35-42 am 5. Sonntag nach Trinitatis, 16.07.2017

 

Liebe Gemeinde,

es gibt Lieder, die sind für eine bestimmte Zeit und aus aktuellem Anlass geschrieben – und doch sind sie zeitlos. Weil sie den Menschen zu allen Zeiten aus dem Herzen sprechen. Im Jahr 1976 etwa sang der Liedermacher Wolf Biermann sein „Lied vom donnernden Leben“:

 

Das kann doch nicht alles gewesen sein
Das bißchen Sonntag und Kinderschrein
Das muß doch noch irgendwo hin gehn

Die Überstunden, das bißchen Kies
Und aabens inner Glotze das Paradies
Da in kann ich doch keinen Sinn sehn

Das kann doch nicht alles gewesen sein
Da muß doch noch irgend was kommen! Nein
Da muß doch noch Leebn ins Leeben

He, Kumpel, wo bleibt da im Ernst mein Spaß?
Nur Schaffn und Raffn und Hustn und Haß
Und dann noch den Löffl abgebn

Das soll nun alles gewesen sein
Das bißchen Fußball und Führerschein
Das war nun das donnernde Leebn

Ich will noch`n bißchen was Blaues sehn
Und will noch paar eckige Runden drehn
Und dann erst den Löffel abgebn

 

Ein Lied voller Sehnsucht. Sehnsucht nach Leben. Nach etwas, das den normalen Alltag übersteigt. Nach Sinn und Erfüllung. Nach Freiheit.

Entstanden ist es noch in der DDR, kurz vor Biermanns Ausbürgerung. Doch auch hier und heute hat es nichts von seiner Aktualität verloren.

 

Und vielleicht hätte es denen aus dem Herzen gesprochen, die sich diesen Satz schon vor 2000 Jahren gesagt haben: Das kann doch nicht alles gewesen sein!

Menschen, die damals schon auf der Suche waren nach einem Leben, das mehr bietet als Schaffen und Raffen und Husten und Hass.

Von solchen Menschen erzählt uns der Evangelist Johannes im 1. Kapitel seines Evangeliums. Von Menschen, die zu Jesu Jüngern geworden sind:

 

 Am nächsten Tag stand Johannes (der Täufer) abermals da und zwei seiner Jünger; und als er Jesus vorübergehen sah, sprach er: Siehe, das ist Gottes Lamm!  Und die zwei Jünger hörten ihn reden und folgten Jesus nach.Jesus aber wandte sich um und sah sie nachfolgen und sprach zu ihnen: Was sucht ihr? Sie aber sprachen zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister –, wo wirst du bleiben?  Er sprach zu ihnen: Kommt und seht! Sie kamen und sahen’s und blieben diesen Tag bei ihm. Es war aber um die zehnte Stunde.Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden, das heißt übersetzt: der Gesalbte.Und er führte ihn zu Jesus. Als Jesus ihn sah, sprach er: Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du sollst Kephas heißen, das heißt übersetzt: Fels.

 

Liebe Gemeinde, der Evangelist Johannes erzählt von den Anfängen der Gemeinde Jesu. Es beginnt mit Sehnsucht und Neugier. Er erzählt von zwei Männern, die sich Johannes dem Täufer angeschlossen haben. Sie betrachten ihn als ihren Lehrer und sich als seine Jünger. Dieser merkwürdige, wild aussehende Gottesmann fasziniert sie. Er lebt da draußen am Jordan, in der Einöde und ernährt sich vor allem von Heuschrecken und wildem Honig. Ein Aussteiger, würde man heute sagen.

Sie staunen über ihn. Und sind fasziniert von  seiner radikalen Botschaft:  Ändert euer Leben, denn das Reich Gottes ist nahe.

Das rührt ihr Herz. Das berührt eine Sehnsucht in ihrem Inneren. Eine Ahnung. Es muss doch noch mehr geben als die alltägliche Schufterei. Noch mehr als den ewigen Kampf ums Überleben.

Und wenn Johannes vom Reich Gottes spricht, dann brennt ihr Herz. Ja, auch sie haben sich taufen lassen, als Zeichen der Umkehr. Und sie sind bereit, ein neues Leben zu beginnen.

Ist er der Messias? Der von Gott versprochene Retter? Das fragen sie sich im Stillen. Aber sie finden keine Antwort. Weil Johannes immer wieder von dem spricht, der nach ihm kommen wird. Der größer und wichtiger sein wird als er.

Und dann eines Tages kommt dieser Jesus aus Nazareth. Er kommt und hört Johannes zu. Einer von vielen, denken sie anfangs. Einer wie sie. Auch er lässt er sich taufen. Wie sie!

Doch es geschieht etwas bei seiner Taufe! Sie nehmen Gottes Geist wahr, der sich auf diesem Mann niederlässt.

Aber Johannes muss noch mehr gesehen haben. Denn fortan spricht er mit großer Ehrfurcht von Jesus.

Es ist, als hätte ihr Meister seinen eigenen Meister gefunden. Immer wieder, sagt er diesen merkwürdigen Satz: Seht, da ist Gottes Lamm.

Einen Satz, den sie nicht verstehen! Gottes Lamm!

Was mag das bedeuten? Und was bedeutet jene Ehrfurcht ihres Meisters?

Lämmer sind Opfertiere. Sie werden geschlachtet, damit Gott den Menschen ihre Sünden vergibt. Aber was hat das mit diesem Mann zu tun?

Sie sind neugierig. Sie wollen wissen, was es mit ihm auf sich hat. Deshalb folgen sie ihm.

Und als Jesus das bemerkt, wendet er sich um und fragt sie: „Was sucht ihr?“

Ja, was suchen sie eigentlich? War ihnen das klar, als sie sich Johannes dem Täufer angeschlossen hatten? Was suchten sie eigentlich? Wofür hatten sie ihr normales Leben verlassen? Was genau wollten sie finden?

„Was sucht ihr?“ Ich spüre, wie diese Frage über diese beiden Männer hinauswächst. Mitten in unsere Zeit hinein.

Was suchen wir eigentlich? Was erwarten wir von Gott, von Jesus?

Damals gab es die eine große Hoffnung: Dass Gott endlich den Messias schickt, den Retter seines Volkes. Der die Menschen frei macht. Der die Bösen vernichtet. Und die Gerechten erhebt. Der die alte kranke Welt aus den Angeln hebt und vernichtet, um eine neue gesunde Welt zu erschaffen.

Und heute? Was sind unsere Hoffnungen heute? Für unser eigenes Leben. Für unsere Welt. Die sich immer noch um das Gleiche dreht wie damals: Um Geld und Macht, um Ansehen und Einfluss. Es geht immer noch um das gleiche. Und doch ist alles tausendmal komplizierter geworden, globalisierter und digitalisierter.

So kompliziert, dass manche nur noch blinde Wut in sich haben, die sich in Gewaltexzessen Luft macht.

Was erhoffen wir von unserem Leben, hier und heute? Wo Europa in der Krise steckt. Und Amerika kein sicherer Partner mehr ist. Wo es Deutschland trotzdem wirtschaftlich blendend geht. Wo aber noch immer Millionen Flüchtlinge und Migranten vor Europas Toren warten und keinerlei Lösung in Sicht ist.

Ich sehe, dass unsere Welt heute noch genauso erlösungsbedürftig ist wie damals. Am Messias führt kein Weg vorbei. An Jesus führt kein Weg vorbei.

Mir fällt jenes Dichterwort ein, von George Bernard Shaw:

„Ich bekenne, dass ich, nachdem ich 60 Jahre Erde und Menschen studiert habe, keinen anderen Ausweg aus dem Elend der Welt sehe als den von Christus gewiesenen Weg. Es ist unmöglich, dass die Erde ohne Gott auskommt.“

„Was sucht ihr?“ Fragt Jesus. Was wollt ihr erreichen? Was wollt ihr von mir?

Die beiden Jünger antworten nicht. Sie fragen:

„Rabbi, wo wirst Du bleiben?“ Wo ist deine Wohnung, deine Herberge?

Sie wollen mit ihm reden. Nicht auf der Straße. Sondern ganz ungestört. Sie wollen wissen, wer er ist und was er für ein Leben führt.

Und er sagt: „Kommt und seht!“  Er lädt sie ein! Zu sich nach Hause. In sein Leben!

Ich wüsste gern, worüber sie gesprochen haben. Über Politik vielleicht. Oder über Gott! Oder den Sinn des Lebens! Der Evangelist verrät es uns nicht! Er verrät nur eines: Nach dieser Begegnung sind diese beiden Jünger ganz sicher: Sie haben den Messias gefunden! Den Retter der Welt!

Sie sind so sicher, dass sie es begeistert weitererzählen:

Einer von den zweien, die Johannes gehört hatten und Jesus nachgefolgt waren, war Andreas, der Bruder des Simon Petrus. Der findet zuerst seinen Bruder Simon und spricht zu ihm: Wir haben den Messias gefunden.

Auch Simon wird Jesu Jünger. Simon Petrus.

Sie alle gehen mit ihm. Sie werden Zeugen schier unglaublicher Wunder und Heilungen. Sie hören Worte, die Ihnen direkt ins Herz fallen. Und erleben, wie viele zu seinen Jüngern werden.

Aber erst später haben sie jene geheimnisvolle Weissagung von Johannes dem Täufer verstanden. Erst später, als er, von den Mächtigen verflucht und der Masse verachtet, am Kreuz starb.

Siehe, das ist Gottes Lamm!

Für uns hat er gelebt, geheilt und Wunder getan. Für uns hat er vom Reich Gottes erzählt. Für uns ist er am Kreuz gestorben. Das war sein Weg für uns.

Doch seine Frage ragt immer noch in unser Leben hinein: Was sucht ihr? Was wollt ihr erreichen? Welchen Weg wollt ihr mit mir gehen?

Und im Blick auf Jesus ahne ich die Antwort. Es ist ein Weg, der ein großes „Für“ enthält. Ein Weg auf dem wir Füreinander und für andere da sind. Wie Jesus für uns dagewesen ist.

Bei Biermann heißt es:

Ich will noch`n bißchen was Blaues sehn


Vielleicht ist es ja das Blau des Himmels, des Gottesreiches, das mitten unter uns aufleuchtet, wenn wir unseren Weg mit Jesus gehen.

Amen

 

Predigt über Matthäus 12, 38-41 (Sonntag Reminiscere, 12.03.2017)

Liebe Gemeinde,

als ich meine heutige Predigt vorbereitete, musste ich an einen sehr besonderen Menschen denken. Eine Frau, 46 Jahre alt, Kirchenälteste in einem kleinen Dorf in der Nähe von Mühlhausen. Für jeden hatte sie ein gutes Wort übrig. Und wem es schlecht ging, dem schenkte sie gern Zeichen der Hoffnung und des Trostes: Eine schöne Blume etwa, oder einen Engel aus Holz oder einen Stern in der Adventszeit.

Doch eines Tages bekam sie eine schreckliche Nachricht: Sie hatte Krebs! Schon ziemlich fortgeschritten!

Und nun begann ein schwerer Leidensweg! Zuerst die Chemos! Und dann eine schwere OP!

Sie sagte mir, sie hätte so gern ein Zeichen. Dass es sich lohnt zu kämpfen! Ein Zeichen, was Gott mit ihr vorhat! Aber es kam keines!

Vor der OP saßen wir zusammen! Feierten Abendmahl!  Ich habe sie gesegnet! Und habe ihr ein Zeichen geschenkt. Ein Segenskreuz. Darauf ist der Gekreuzigte zu sehen. Aber nicht als Toter. Sondern als Lebendiger, der segnet!

Sie hat es sich um den Hals gehängt, bevor sie ins Krankenhaus zur Operation ging.

Manchmal brauchen wir Zeichen. Zeichen der Hoffnung. Zeichen der Nähe Gottes. Zeichen seiner Macht.

Doch nicht immer werden uns die gegeben, die wir uns wünschen.

Der Evangelist Matthäus erzählt davon im 12.Kapitel seines Buches:

38 Da antworteten ihm einige von den Schriftgelehrten und Pharisäern und sprachen: Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen.

39 Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen, und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden außer dem Zeichen des Propheten Jona.

40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.

41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

Liebe Gemeinde,

die Pharisäer und Schriftgelehrten fordern ein Zeichen von Jesus. Sie brauchen kein Zeichen, wie andere Menschen, die in Not sind und kurz davor, die Hoffnung zu verlieren. Nein, ihnen geht es um etwas anderes.

Denn es hat sich eine hitzige Debatte entspannt zwischen Jesus und seinen Gegnern. Und das sind Leute, die sich etwas einbilden. Auf Ihren tollen Lebenswandel. Auf ihre Klugheit und ihre Kenntnis der Schrift.

Uns braucht niemand was zu erzählen. Uns macht keiner was vor. Auch dieser Jesus nicht. So denken sie im tiefsten Inneren, wenn sie mit Jesus reden.

Sie wollen nicht an Jesus glauben. Sie wollen ihm nicht glauben, und auch nicht dem, was er den Menschen sagt.

Sie sind mehr als skeptisch. Ihr Herz ist verschlossen. Und deshalb suchen sie nach Gründen, warum dieser Mann einfach unglaubwürdig ist. Versuchen ihn in die Enge zu treiben und ihn in Widersprüche zu verwickeln.

Gerade haben sie ihm etwas Ungeheuerliches unterstellt: Er würde nur deshalb böse Geister austreiben können, weil er selber vom Teufel besessen ist.

Das ist übel. Und bösartig. Und es muss Jesus mächtig geärgert haben. Und nun fordern sie auch noch ein Zeichen von ihm.

Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen.

Meister, sagen sie zu ihm! Dabei glauben sie gar nicht an ihn! Es fällt nicht schwer, den Spott herauszuhören, der sich in dieser Anrede verbirgt.

Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen! Beweise uns, dass Du was drauf hast. Ich sehe es vor meinem inneren Auge, wie sie ihm irgendetwas abstruses vorschlagen: Versetze doch mal den Berg von hier nach da! Hast Du nicht gesagt: Der Glaube könne Berge versetzen! Oder: Zaubere doch einfach die Römer aus unserem Land weg! Oder: Lass doch an diesem toten Baum mal ein paar Früchte wachsen!

Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen! Zeig doch mal, dass Du noch mehr kannst als große Reden schwingen!

Da schwingt eine Menge Spott mit, in dieser Forderung! Aber sicherlich auch ein Fünkchen Ernst. Denn die Pharisäer waren ja eigentlich fromme und ernsthafte Leute. Sie haben es sich nicht leicht gemacht! Ihr ganzes Leben haben sie auf Gottes Gebote eingestellt! Weil sie zutiefst davon überzeugt waren, dass dies der  richtige Weg sei! Und auch die Schriftgelehrten waren ernsthafte Leute, die sich den ganzen Tag Gedanken machten über das richtige Verständnis der Schrift.

Ihnen ging es um das Ganze! Um den richtigen Glauben! Und um das richtige Leben! Diesen Glauben, dieses Leben stellt Jesus in Frage. Und das ärgert sie ungemein!

Stellt eure Frömmigkeit nicht zur Schau, wie es die Pharisäer tun!, sagt er den Leuten! Und lest die Schrift anders, als ihr es bisher getan habt! Haltet nicht an dem fest, was euch die Schriftgelehrten weismachen wollen!

Kein Wunder, dass sie skeptisch sind, die Pharisäer und Schriftgelehrten! Kein Wunder, dass sie so heftig und bösartig und überheblich reagieren! Das hätte ich an Ihrer Stelle auch getan! Und das tun auch heute viele Menschen, wenn sie versuchen, den Glauben an Jesus lächerlich zu machen oder gar als gefährlich hinzustellen.

Weil der Glaube an Jesus unser Leben und unsere Sicht auf das Leben in Frage stellt!

Wer lässt sich schon gern sein Weltbild kaputt machen? Oder sein Lebenskonzept! Wer lässt schon gern Veränderungen zu im eigenen Leben, wenn er sich ganz gut eingerichtet hat?

Meister, wir wollen ein Zeichen von dir sehen! Ansonsten können wir unser Gespräch gleich hier und jetzt beenden!

Beweise uns, dass Du von Gott beauftragt bist! Hier und Jetzt!

Oder scher dich fort und mach uns nicht das Leben schwer!

Es ärgert Jesus ungemein. Ihr Argwohn, ihre Frechheit! Ich spüre seinen Zorn in diesen Worten! Warum auch nicht! Warum sollte er frei von Ärger gewesen sein?

Und er verweigert ein Zeichen!

Er ist doch kein Zauberkünstler, der sich vorführen lässt! Der auf Zuruf irgendwelche Kunststücke vollbringt, die andere ins Staunen versetzen.

Er hat schon viele Zeichen getan, als Menschen in echter Not waren! Auch auf manche Bitte hin! Aber nicht auf Befehl! Nicht um irgendjemandem irgendetwas zu beweisen, der es gar nicht bewiesen haben will!

Spielen sie ernsthaft mit dem Gedanken, ihr Leben zu ändern, wenn er Ihnen seine Macht beweisen würde? Und was wäre mit all den anderen Skeptikern, die jetzt nicht dabei sind? Müsste er es ihnen jedes Mal wieder neu beweisen, dass er der Sohn Gottes ist?

Nein, der Glaube kann nicht davon abhängen, ob ich etwas vor Augen sehe oder nicht! Er hängt eher davon ab, ob ich mich auf Jesus einlasse oder nicht!

Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Ein böses und ehebrecherisches Geschlecht fordert ein Zeichen, und es wird ihm kein Zeichen gegeben werden …. außer dem Zeichen des Propheten Jona.

Ein Rätsel! Jesus gibt ihnen ein Rätsel auf! Denn Rätsel machen neugierig! Man will sie lösen, will sie verstehen!

Was hat es auf sich mit dem Zeichen des Jona?

Jona, der Prophet! Er sollte einst der assyrischen Stadt Ninive den Untergang vorhersagen. Und er wollte weglaufen vor dieser unangenehmen Aufgabe. Er stieg auf ein Schiff, das weit weg fuhr von der Stadt Ninive. Doch unterwegs brach eine Sturm los. Und Jona wurde über Bord geworfen und wäre beinah ertrunken. Es kam aber ein riesiger Fisch und verschluckte ihn. 3 Tage war er im Bauch des Fisches gefangen. Dann spuckte ihn der Fisch wieder aus. Und er war bereit, seine Aufgabe zu erfüllen. Denn er hatte eingesehen, dass er gegen Gottes Macht und Weisheit nichts ausrichten kann.

Das Zeichen des Jona! Jesus selbst löst das Rätsel auf:

40 Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte im Bauch des Fisches war, so wird der Menschensohn drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.

Jesus löst das Rätsel selber auf! Das Zeichen des Jona – das ist seine Auferstehung!

Doch er weiß, dass auch dieses Zeichen sie nicht alle umstimmen wird. Deshalb seine harten Worte:

41 Die Leute von Ninive werden auftreten beim Gericht mit diesem Geschlecht und werden es verdammen; denn sie taten Buße nach der Predigt des Jona. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

Jesus ist mehr als Jona! Und seine Auferstehung bedeutet viel mehr als Jonas Abenteuergeschichte!

Denn der Auferstandene sagt zu uns: Ich lebe, und ihr sollt auch leben! Der Tod ist nicht das Ende. Sondern der Beginn von etwas unerhört Neuem. Wer dieser Botschaft vertraut, für den wird sich das ganze Leben verändern, weil so manches an Gewicht verliert, das vorher wichtig war.  Und anderes wird wichtiger wird, das vorher unwichtig erschien. Das Zeichen des Jona – die Auferstehung!

Doch auch dieses Zeichen wird immer umstritten bleiben. Auch hier gibt es keine zwingenden Beweise! Es gibt nur Zeugen! Menschen, die dieses Zeichen persönlich überzeugt hat! Auch ohne dass sie es selber gesehen haben!

Es gibt Kraft in Zeiten der Not! Und Hoffnung, wo andere verzweifeln! Und es schenkt Trost in Zeiten der Trauer!

Ich denke noch einmal zurück an jene Frau, die so schwer erkrankt war.

Sie hat die Krankheit nicht überlebt. Aber die Kette mit dem Segenskreuz – die hat sie getragen, bis zu Ihrem Tod. Und als ich mit ihrer Tochter zusammensaß beim Trauergespräch, da hat sie mir erzählt, was für ein großer Frieden im Raum war, als ihre Mutter eingeschlafen war.

Und während sie das erzählte, fiel mir auf, was da am Hals der Tochter hing: Es war jene Kette, die ihrer Mutter Kraft gegeben hatte. Das Segenskreuz! Der Auferstandene! Das Zeichen des Jona! Amen

 

Predigt über Matthäus 14, 22-33 (4. Sonntag nach Epiphanias, 29.01.2017)

Liebe Gemeinde,

wem das Wasser bis zum Halse steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen. Das las ich vor Jahren im Eingangsbereich einer Obdachlosenunterkunft in Weimar.

Zuerst musste ich innerlich schmunzeln. Doch dann habe ich die Stirn gerunzelt. Ist das wirklich hilfreich für einen, dem das Wasser bis zum Halse steht? Der den Halt verloren hat. Die Arbeit, die Familie, die Selbstachtung, und am Ende sogar die Wohnung. Der bis zum Hals in Schwierigkeiten steckt.

Wem das Wasser bis zum Halse steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen. Das ist leicht gesagt!

Gott sei Dank, dass ich dieses Wort noch in keiner Arztpraxis gelesen habe. Oder im Krankenhaus. Denn irgendwie schwingt darin ein gewisser Zynismus mit. Oder einfach nur schwarzer Humor. Und der ist nicht jedermanns Sache.

Aber im Grunde genommen stimmt es, was da gesagt wird. Denn wer den Kopf hängen lässt, wenn ihm das Wasser bis zum Halse steht, der wird unweigerlich ertrinken. Die Frage ist nur: Woher kommt mir die Kraft, den Kopf nicht hängen zu lassen? Kommt sie aus guten Ratschlägen? Aus der richtigen Einstellung? Kommt sie aus mir selbst? Oder kommt sie von woanders her?

 

Eine Antwort auf diese Frage finde ich beim Evangelisten Matthäus. Dort heißt es im 14. Kapitel:

 

Und alsbald drängte Jesus die Jünger, in das Boot zu steigen und vor ihm ans andere Ufer zu fahren, bis er das Volk gehen ließe.

23 Und als er das Volk hatte gehen lassen, stieg er auf einen Berg, um für sich zu sein und zu beten. Und am Abend war er dort allein.

24 Das Boot aber war schon weit vom Land entfernt und kam in Not durch die Wellen; denn der Wind stand ihm entgegen.

25 Aber in der vierten Nachtwache kam Jesus zu ihnen und ging auf dem Meer.

26 Und da ihn die Jünger sahen auf dem Meer gehen, erschraken sie und riefen: Es ist ein Gespenst!, und schrien vor Furcht.

27 Aber sogleich redete Jesus mit ihnen und sprach: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

28 Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.

29 Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu.

30 Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich!

31 Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?

32 Und sie stiegen in das Boot und der Wind legte sich.

33 Die aber im Boot waren, fielen vor ihm nieder und sprachen: Du bist wahrhaftig Gottes Sohn!

 

Liebe Gemeinde,

das Boot hat Gegenwind. Ein starker Wind bläst genau aus der Richtung, in die es gehen soll. Aus der Richtung, die Jesus seinen Jüngern gewiesen hat.

Was sollen sie tun? Wie sollen sie vorankommen? Und dann auch noch die Wellen. Immer wieder schlagen sie über den Bootsrand.

Und das auch noch im Dunkel der Nacht! Die Jünger sind in Not. Und sie haben alle Hände voll zu tun, dass sie vorwärts kommen und dass ihr Boot nicht kentert oder vollläuft.

Keiner von ihnen lässt den Kopf hängen. Aber irgendwann werden sie erschöpft sein und keine Kraft mehr haben. Und was dann?

Liebe Gemeinde,

in solch einem Boot sitzen auch wir heutigen Jünger. Im Boot unserer Gemeinde. Jesus hat uns losgeschickt. In eine bestimmte Richtung, zu einem bestimmten Ziel. Steuert auf das Reich Gottes zu! Sagt er zu uns. Das soll euer Ziel sein, dass die Liebe wächst in eurer Gemeinschaft, dass hier andere Werte gelten als Geld und Macht und Ansehen. Und das wäre auch alles gar nicht so schwer, wäre da nicht der teuflisch heftige Gegenwind. Die Versuchung, eben doch auf all das zu setzen, was überall in der Welt zählt.

Und dann sind da auch noch die Wellen. All das, was uns als Gemeinde Sorgen macht. Was unser Boot manchmal bedrohlich schwanken lässt. Wir werden immer weniger. Und die Menschen, so scheint es, werden immer gleichgültiger gegenüber unserem Glauben.

Ich kann mir vorstellen, wie sich die Jünger im Boot abgemüht und aufgerieben haben. Die einen haben  gerudert, was das Zeug hält. Den anderen sind die Arme lahm geworden beim Halten des Steuers. Und wieder andere haben hastig das Wasser aus dem Boot geschöpft. Wie auch wir in unserer Gemeinde manchmal mit viel Kraftaufwand versuchen, das Boot gegen Wind und Wellen vorwärts zu bringen. Und sich dabei so manche Erschöpfung und mancher Unmut einstellt. Und die Sorge, ob das Boot nicht bald untergehen wird.

Doch plötzlich hören sie auf zu rudern, zu schöpfen, das Steuer gleitet ihnen aus der Hand. Denn jemand nähert sich dem Boot. Im Morgengrauen. Eine Gestalt, die unbeeindruckt von Wind und Wellen auf dem Wasser daherkommt.

Ein Gespenst! Das ist ihr erster Gedanke. Ein angsteinflößendes Wesen, vielleicht der Geist eines armseligen Ertrunkenen, der keine Ruhe findet.

Angst macht sich breit unter den Jüngern. Verzweiflung. Und hätte jetzt jemand gesagt: Wem das Wasser bis zum Hals steht, der sollte den Kopf nicht hängen lassen – den hätten sie wahrscheinlich alle gleichzeitig über Bord geworfen.

Angst macht sich breit. Nicht nur Sorge, sondern nackte Angst. Bis sie die vertraute Stimme hören, die ihnen zuruft: Seid getrost, ich bin’s; fürchtet euch nicht!

Jesus ist da. Er ist bei seinen Jüngern!

Ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende!, wird der Auferstandene später sagen. Der erhaben ist über die Naturgewalten, den Wind, die Wellen, die Schwerkraft, und – nicht zuletzt – über den Tod!

Jesus ist da. Aber die Jünger zweifeln! Ist er es wirklich? Oder ist es nur ein Gespenst, ein Phantasma?

Petrus aber antwortete ihm und sprach: Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser.

Petrus, der Draufgänger, der nicht zu denen gehört, die schnell den Kopf hängen lassen, er will es jetzt wissen. Vielleicht denkt er dabei an seine Freunde, an ihre Angst und ihre Zweifel. Will es ihnen beweisen, damit sie wieder Mut fassen. Vielleicht denkt er aber auch nur an sich selbst, an seinen eigenen Glauben, der mal stark ist und mal schwach.

Er traut es seinem Herrn zu: Dass er auch ihn dazu bringen kann, nicht vom Wasser verschlungen zu werden.

Denn was nützt einem der Glaube an Jesus, wenn er sich nicht im eigenen Leben auswirkt. Was nützt uns der Glaube an Jesus, wenn wir trotzdem von Angst, Sorge, Trauer und allem anderen Bedrohlichen verschlungen werden?

Herr, bist du es, so befiehl mir, zu dir zu kommen auf dem Wasser. Und er sprach: Komm her!

Petrus traut es Jesus zu. Und Jesus traut es Petrus zu! Wer an Jesus glaubt, der bekommt eine Kraft, die ihn trägt, die ihn nicht untergehen lässt! Damals, und genauso heute!

Eine Mutprobe für Petrus! Aber eine, die sich Petrus selbst auferlegt!

Und am Anfang sieht es ja auch ganz gut aus. Er steigt aus dem Boot und stößt auf Grund. Er findet Halt. Schaut fest auf Jesus und geht auf ihn zu.

Aber noch immer ist hoher Wellengang. Und die Wellen kann er nicht ausblenden. So, wie wir unsere Ängste und Sorgen und Probleme nicht einfach ausblenden können. Das kann man nur indem man sie verdrängt oder mit Drogen betäubt. Nein, sie zerren an uns, wie die Wellen an Petrus zerren und seine Beine umspülen. Und dann geschieht es fast unweigerlich, was auch dem Petrus passiert ist: Plötzlich schwindet das Vertrauen, die Gewissheit, obwohl wir uns sicher waren, sie zu besitzen.

Und mit ihr schwindet auch die Kraft, die uns trägt.

Petrus sinkt ein, Stück für Stück, wie in einem Sumpf. Er droht verschlungen zu werden. Zu ertrinken!

Wie tief er sinkt, davon erzählt uns der Evangelist nichts!

Aber vielleicht steht ihm ja tatsächlich schon das Wasser bis zum Hals, als er schreit: Herr, rette mich!

Er muss es eingestehen: So groß ist seine Glaubenskraft denn doch nicht, dass sie ihn ohne Wenn und Aber tragen könnte. Bei schönem Wetter hätte es vielleicht funktioniert. Wie es auch uns nicht besonders schwer fällt zu glauben, wenn das Leben reibungslos verläuft und alles gelingt, was wir uns vornehmen.

Aber bei Wind und Wellengang? Wenn Kräfte an uns zerren, die uns den Boden der Gewissheit unter den Füßen wegziehen wollen?

Da kann der Glaube schnell die ihm eigene Kraft verlieren. Und spätestens dann ahnen wir, wie sehr wir ihn brauchen, der uns an seine Hand nimmt und uns aus den Wellen zieht, trotz unserer Zweifel.

Der Wind und Wellen beruhigt, dass  unser  wieder Boot ungehindert fahren kann.

Der in der Not zu uns kommt und sagt: Seid getrost! Ich bin‘s! Fürchtet euch nicht!

Amen.

 

Predigt über 2. Buch Mose 33, 18-23 (2. Sonntag nach Epiphanias, 15.01.2017)

Liebe Gemeinde,

jahrelang hatte er sich aufgeopfert. Für seine Gemeinde! Für die Menschen. Um sie für den Glauben zu gewinnen. Um Gott in ihr Leben zu holen. Wenig Zeit war für die Familie geblieben! Und noch weniger Zeit für sich selbst. Die Berufung stand immer an erster Stelle. Vieles hatte Früchte getragen. Vieles aber auch nicht!

So manches Paar, das er getraut hatte, war wieder geschieden. So mancher ehemalige Konfirmand aus der Kirche ausgetreten. Und so manches getaufte Kind hatte er nie wieder gesehen. Der Boden war verdammt steinig und karg, der Boden, auf dem er arbeitete. Wie  Wüstenboden!

Er fühlte sich innerlich leer. Ausgebrannt. Am Ende seiner Kraft. Dabei war er doch erst Anfang fünfzig. Er begann zu zweifeln. An sich selbst. An seiner Berufung. Und nicht zuletzt an Gott. Warum spielte der Glaube bei so wenigen Menschen eine Rolle? Warum waren andere Dinge so viel wichtiger?  Konnten sie Gott nicht spüren in ihrem Leben? Seine heilsame, befreiende Macht! War er am Ende doch nur Einbildung, der Glaube, ein frommer Selbstbetrug?

Er stand vor einer schweren Entscheidung. Konnte er noch weiter Pfarrer sein? Und wenn ja, woher sollte er die Kraft dafür nehmen?

Er bekam Sonderurlaub. Für eine Zeit der Stille, der Besinnung. Da gab es ein Haus, für Menschen, denen es ebenso ging wie ihm. Nicht alle von ihnen waren Pfarrer. Da gab es auch Manager aus der freien Wirtschaft. Lehrer. Politiker. Sie alle hatten das gleiche Problem. Zweifel an dem, was sie taten. Am Sinn ihres Daseins. Zweifel an Gott. Es tat gut, mit ihnen zusammen zu sein. Nach Quellen zu suchen. Quellen der Kraft. Quellen des Glaubens.

Endlich mal wieder in der Bibel lesen. Einfach so. Nicht, um eine Predigt vorzubereiten. Oder eine Andacht.  Zweckfrei. Auf der Suche nach Quellen.

Er stieß auf Mose, den Gottesmann. Der auch berufen worden war – wie er! Der sein Volk weggeführt hatte aus Ägypten. Und mit ihnen den langen Marsch durch die Wüste gegangen war. Ach ja, der Wüstenboden. Ins gelobte Land wollten sie kommen. Wo Milch und Honig fließen. Wo alles gut werden sollte.  Doch der Weg war weit. Und beschwerlich. Nur mühsam kamen sie voran. So manchen Umweg mussten sie gehen. So manche Hunger- und Durststrecke durchleben. Immer ging es weiter, Gott half, wo es nötig war. Aber es blieb mühsam, das Wandern durch die Wüste. Sie waren müde geworden. Unzufrieden. Wollten endlich ankommen. Nicht mehr unterwegs sein wie Flüchtlinge. In der Knechtschaft ging es uns besser, da wussten wir wenigstens woran wir sind. Und zu essen hatten wir auch. Was nützt uns jetzt die Freiheit? Was nützt uns dein Gott, Mose? Was bringt uns der Glaube an ihn?

Der arme Kerl, dachte er. Immer musste er herhalten, wenn irgendwas nicht klappte. Wenn sie wieder mal enttäuscht waren von Gott. Oder Gott von ihnen. Immer stand er zwischen Gott und den Menschen. Musste vermitteln. Die Wogen glätten. Wie soll das einer aushalten.

Ja, und dann noch die Sache mit dem goldenen Kalb. Die hatte das Fass zum Überlaufen gebracht. Da hatte er sie einmal aus den Augen gelassen. War oben gewesen auf dem Berg Sinai. Um mit Gott zu reden. Um seine Gebote zu empfangen.

Doch unten das Volk wurde wieder ungeduldig. Wo bleibt er nur? Wer weiß, ob er überhaupt noch am Leben ist!

Und dann wollten sie etwas Sichtbares für ihren Glauben. Etwas Handfestes. Was man anschauen, berühren, umtanzen kann. Ihr ganzes Gold haben sie dafür hergegeben, den Schmuck die Familienerbstücke, was ihnen lieb und teuer war, um sich daraus ein Bild zu machen. Einen jungen Stier. Der sollte ihren Gott darstellen. Den wollten sie anbeten. Nicht andere Götter! Nein, ihren Gott, der sie aus Ägypten befreit und sie schon so oft auf wunderbare Weise bewahrt hatte.

Aber glänzen sollte das Bild. Herrlich glänzen. So dass man sich nicht sattsehen konnte.

Und als Mose vom Berg herabkam, war er ausgerastet. Hatte es kurz und klein geschlagen, das Götterbild. Das goldene Kalb. Hatte gewütet wie ein Orkan.

Dabei kannte er sie nur zu gut, diese Sehnsucht: Gott sehen zu können. Nicht nur irgendeine Erscheinung von ihm. Nicht nur brennende Dornenbüsche, Wolken, Feuersäulen. Sondern ihn selbst in seiner ewigen Herrlichkeit.

Im 2. Buch Mose stand geschrieben:

Mose sprach zum Herrn: Lass mich deine Herrlichkeit sehen! 19 Und der Herr sprach: Ich will vor deinem Angesicht all meine Güte vorübergehen lassen und will vor dir kundtun den Namen des HERRN: Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und wessen ich mich erbarme, dessen erbarme ich mich. 20 Und er sprach weiter: Mein Angesicht kannst du nicht sehen; denn kein Mensch wird leben, der mich sieht.21 Und der HERR sprach weiter: Siehe, es ist ein Raum bei mir, da sollst du auf dem Fels stehen.22 Wenn dann meine Herrlichkeit vorübergeht, will ich dich in die Felskluft stellen und meine Hand über dir halten, bis ich vorübergegangen bin. Dann will ich meine Hand von dir tun und du darfst hinter mir her sehen; aber mein Angesicht kann man nicht sehen.

Er schaute auf von seiner Bibel. Ein Seufzer kam von seinen Lippen. Ach, wenn man Gott doch nur sehen könnte. Dann wäre alles so einfach. Dann hätte der arme Mose keine Probleme gehabt. Niemand wäre auf die Idee gekommen, ein goldenes Kalb anzubeten. Und auch ich hätte jetzt keine Probleme, dachte er. Ich müsste mich nicht so wahnsinnig anstrengen, um Gott in das Leben der Menschen zu holen. Die Menschen wüssten von allein, wen sie anzubeten hätten. Worauf es wirklich im Leben ankommt.

Mose spricht  zum Herrn: Lass mich deine Herrlichkeit sehen!

Aber Gott sagt zu Mose: Nein! Das geht nicht! Wer mich sehen wollte, der müsste augenblicklich sterben.

Ja, wie sollten wir dich sehen können, Gott. Der du immer da warst und immer da sein wirst. Der du überall bist, im größten und im Kleinsten. Kann ein Wassertropfen das Meer sehen? Oder ein Staubkorn die Wüste? Oder eine Körperzelle das Leben, das den Körper beseelt? Um dich sehen zu können, müssten wir außerhalb von dir sein. Wir müssten wie Du sein. Aber das sind wir nicht! Du bist der Schöpfer! Du bist der Grund! Der die Welt im innersten zusammenhält. In dir leben, weben und sind wir, wie es Paulus einmal gesagt hat.

Nein, sagt Gott zu Mose. Du kannst mich nicht sehen. Aber ich will dich meine Güte schauen lassen. Du kannst mir hinterher schauen.

Und das tut Mose denn auch. Er schaut Gott hinterher. Er sieht nicht seine Herrlichkeit. Nicht ihn selbst. Aber er schaut seine Güte.

Gottes Güte schauen. Ihm hinterherschauen. Was bedeutet das? Für mich als Pfarrer. Hier und Heute. Das fragte er sich. Heißt das vielleicht, die Welt, das Leben im Licht seiner Güte zu betrachten? Im Licht seiner schöpferischen Kraft. Und plötzlich trat ihm vieles vor Augen, was tatsächlich gut gewesen war. All die Früchte, die seine Arbeit hervorgebracht hatte. In letzter Zeit hatte er immer nur darauf geschaut, was nicht gelungen, nicht gewachsen war. Wie hatte er das Gute aus den Augen verlieren können?

Vielleicht war es die Sehnsucht nach dem, was glänzt. Erfolg und Ruhm. Die goldene Nase. Das goldene Kalb.  Ein Bild, das er sich gemacht hatte, von sich selbst, von den Menschen. Von Gott und seinem Wirken. Aber Gott ist eben ganz anders als die Bilder, die wir uns von ihm machen. Und er wirkt auch ganz anders in unserer Welt.

Oft nur so, dass wir es erst im Nachhinein erkennen.

Mose hatte Gottes Güte geschaut. Hatte ihm hinterhergeschaut. Und von dieser Begegnung blieb ein Glanz zurück auf seinem Gesicht. Ein Glanz, den die Menschen bemerkten. Der ihnen wenigstens eine Ahnung gab von Gottes Herrlichkeit.

Ohne diese Begegnung wäre Mose vielleicht gescheitert. Hätte das Handtuch geworfen und sich irgendwohin verbittert zurückgezogen. Aber er hat weiter gemacht. Ist weiter durch die Wüste gegangen. Schritt für Schritt.

Dem gelobten Land entgegen.

Soll ich auch weiter gehen?, dachte er. Aber woher nehme ich die Kraft? Wie kann ich seine Güte schauen?

Er hob wieder die Augen auf. Schweifte mit seinem Blick. Und plötzlich ruhten seine Augen auf dem Kreuz an der Wand gegenüber.

Kein Mensch kann Gott sehen ohne zu sterben. Doch! Einer konnte es! Jesus!

Da hing er, am Kreuz, der Mensch, der Gott sehen konnte. Kein schöner Anblick! Kein Hingucker, wie das Goldene Kalb. Aber hatte er nicht gesagt: Wer mich sieht, der sieht den Vater!

Die Menschen haben sich nicht geändert seit Mose. Aber Gott hat sich verändert. Er ist zu uns gekommen. Hinabgestiegen aus seiner Herrlichkeit. Hat seine Füße auf den kargen Wüstenboden gesetzt. Und irgendwann zwischendurch hat er gesagt: Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid: Ich will euch neue Kraft geben. Amen.

Jan Redeker