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Predigt am 5. Sonntag vor der Passionszeit, 03.02.2019 über 1 Kor 1, 4-9

Liebe Gemeinde!
Die nächste Landessynode wird sich einem wichtigen Thema in unserer Kirche widmen: dem Thema Ehrenamt. Und das nicht ohne Grund. Denn dass Menschen sich ehrenamtlich engagieren, ist längst nicht mehr selbstverständlich. Gerade auf dem Land breitet sich Frust aus. Die Pfarrstellen werden immer größer. Und die Pfarrer lassen sich immer seltener vor Ort sehen. Mitarbeiterstellen werden abgebaut. Und Ehrenamtliche sollen die Lücken füllen? Sollen Gottesdienste halten und musikalisch begleiten? Mit Kindern arbeiten? Gemeindeglieder besuchen? Die Kirchen instand halten? So mancher fragt sich insgeheim: Wofür tue ich das hier eigentlich? Wenn so vielen Menschen der Glaube gar nicht mehr wichtig ist. Wenn wir nur eine kleine Schaar sind, die sich versammelt, um auf Gottes Wort zu hören und ihn im Gebet anzurufen. Kein Wunder, dass da vielen die Lust vergeht. Und nur noch Frust übrigbleibt.

Umso dankbarer können wir sein für alle, die sich einsetzen für ihre Gemeinde. Und die das auch noch mit Lust und Freude tun.

Wofür tue ich das eigentlich? Wofür ist eigentlich Gemeinde gut? Und was macht Gemeinde eigentlich aus? All diese Fragen sind heute drängender denn je. Und sie verlangen nach einer Antwort.

Vielleicht kommen wir ihr ein Stück näher durch unsere heutige Brieflesung, unseren Predigttext, aus dem 1. Brief des Paulus an die Korinther im 1. Kapitel. Da schreibt Paulus:

Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus,

5 dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in allem Wort und in aller Erkenntnis.

6 Denn das Zeugnis von Christus ist unter euch kräftig geworden,

7 sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.

8 Der wird euch auch fest machen bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus.

9 Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

 

Liebe Gemeinde, Paulus beginnt seinen Brief mit einer Danksagung. Und ich denke: Da steht mehr dahinter als bei den üblichen Danksagungen in antiken Briefen.

Paulus dankt hier nicht für ein reichhaltiges Gemeindeleben. Nicht für viele Gemeindegruppen. Nicht für große Events, von denen jeder spricht. Er dankt für den Glauben der Gemeinde. Für das Zeugnis von Christus, das in der Gemeinde gewachsen ist. Und er spricht in diesem Zusammenhang auch vom Reichtum der Gemeinde. Hier geht es nicht um Geld. Nicht um Kirchensteuern und Gemeindebeiträge, nicht um Pacht- und Mieteinnahmen.  Sondern darum, dass ihr durch ihn in allen Stücken reich gemacht seid, in allem Wort und in aller Erkenntnis.

Freilich ist Korinth keine perfekte Gemeinde. Auch hier gibt es jede Menge Probleme. Das zeigt sich dann im weiteren Verlaufe des Briefes, in dem Paulus auf viele Streitfragen eingeht. Das zeigt sich an den Ermahnungen die Paulus am Ende des Briefes ausspricht.

Aber am Anfang steht eben der Dank. Weil es wichtig ist, erst einmal auf das Gute zu schauen. Ein Grundprinzip der geschwisterlichen Begleitung.

Paulus dankt aber nicht sich selbst. Obwohl er die Gemeinde einst gegründet hat. Er dankt auch nicht den Gemeindegliedern, die diese Gemeinde ausmachen. Er schreibt vielmehr: Ich danke meinem Gott allezeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch gegeben ist in Christus Jesus.
Anderthalb Jahre hat Paulus in Korinth gewirkt. Und hat den Menschen erzählt vom gekreuzigten und auferstandenen Christus. Er hat die Menschen nicht mit klugen Worten zum Glauben überredet. Nein, mit einfachen Worten hat er erzählt, wie dieser Christus auch sein Leben verändert und bereichert hat. Wie dieser Christus für alle Menschen gestorben und auferstanden ist und wie er für alle da sein möchte. In diesen Worten spürte er Gottes Geist, der den Glauben der Menschen weckte. Und nicht nur den Glauben, sondern auch so manche Gabe, manche Begabung, die dann die Gemeinde bereichert hat.
Paulus dankt für diese Gemeinde und für alles, was darin gewachsen ist. Auch wenn sie nicht perfekt ist. Denn er weiß: Die perfekte Gemeinde wird es in diesem Leben nicht geben. Dafür ist das Leben der Menschen viel zu kompliziert. Viel zu spannungsgeladen. Viel zu sehr von irdischen Dingen bestimmt.

Und die christliche Gemeinde gibt es nicht losgelöst vom Leben der Menschen. Von den Problemen des Alltags. Von den irdischen Ängsten und Träumen der Menschen.

Ich denke an zwei Beispiele aus meiner ersten Pfarrstelle. Da sagten Gemeindeglieder aus einem Dorf zu mir: „Herr Pfarrer, eines können Sie sich gleich aus dem Kopf schlagen. Wir machen mit dem Nachbardorf keine gemeinsamen Sachen.“ „Warum nicht?“ Fragte ich zurück. Und die Antwort war: „Die haben uns früher immer verdroschen, wenn wir durch das Nachbardorf zur Schule  gegangen sind.“

Und ein anderes Beispiel: Bei einem Besuch sagte mir ein Mann, warum er nicht in die Kirche geht: „Da sitzen Leute in den ersten Bankreihen, die früher dunkelrot gewesen sind und auf die Kirche geschimpft haben. “

Nein, Gemeinde lebt unter den Bedingungen dieser Welt. Die Korinther Gemeinde ebenso wie die Stotternheimer oder Schwerborner Gemeinde.

Aber Gemeinde ist dazu da, um von Christus zu reden, von ihm zu zeugen, von seiner Gnade, von seiner Lebendigkeit. Und sie ist dazu da, um zu warten.

6 Denn das Zeugnis von Christus ist unter euch kräftig geworden, 7 sodass ihr keinen Mangel habt an irgendeiner Gabe und wartet nur auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus.
Christliche Gemeinde wartet auf die Offenbarung unseres Herrn. Sie bekennt: Vom Himmel wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Wir Christen erwarten kein Paradies auf Erden. Wir sind von einer anderen Hoffnung beseelt. Wir erwarten den Neuen Himmel und die Neue Erde. Doch solange die noch nicht da sind, gilt es durchzuhalten. Fest im Glauben zu bleiben. Einzutreten für eine friedlichere und gerechtere Welt. Und für die Menschen zu sorgen, die unter dieser unerlösten Welt leiden.

Das erfordert freilich einiges an Stärke. Und die muss nicht aus uns selbst kommen, wie Paulus schreibt:

Der wird euch auch fest machen bis ans Ende, dass ihr untadelig seid am Tag unseres Herrn Jesus Christus.

Christus selbst schenkt und bewahrt den Glauben. Christus selbst gibt die Stärke. Deshalb ist Paulus so dankbar und über die Zukunft der Gemeinde so unbesorgt.
Deshalb dürfen auch wir dankbar sein für jede Einzelne und jeden Einzelnen, für alle, die gern den Gottesdienst mitfeiern und sich gern in unserer Gemeinde einbringen. Für jede Gabe, die Gott in Menschen durch den Glauben erweckt und für jeden Liebesdienst, der in seinem Namen getan wird.

Deshalb müssen auch wir uns nicht verlieren in Zukunftssorgen. Solange es Menschen gibt, die so von Christus zeugen. Und von der Hoffnung, die über diese Welt hinausgeht.

Paulus ist so dankbar und so unbesorgt weil er fest von Gottes Treue überzeugt ist:

 Denn Gott ist treu, durch den ihr berufen seid zur Gemeinschaft seines Sohnes Jesus Christus, unseres Herrn.

Gott handelt nicht wie die griechischen Götter, die von Leidenschaften getrieben, auf die eigene Ehre bedacht sind. Die letztlich nur ein Spiegelbild der Menschen sind. Der Menschen, die den eigenen Vorteil im Sinn haben und die nach Macht streben. Gott will seine Menschen zu den Zielen führen, die gut für sie sind. Dafür hat er seinen Sohn in diese Welt gesandt. Und uns zur Gemeinschaft mit ihm berufen. Auch damals war sie nicht groß. Auch damals hatte sie große Probleme zu bewältigen. Aber Gott ist ihr treu geblieben – und er bleibt es auch hier und heute. Amen

Jan Redeker